Shakespeares Twelfth Night in Basel

Das Segel bäumt sich auf, schwingt hin und her, gehalten nur von zwei fröhlichen, singenden Gestalten, denen die Abenteuerlust ins Gesicht geschrieben steht. Doch plötzlich werden die Böen stärker, die jungen Leute geraten ins Schwanken, angestrengt wirkt ihr Gesang nun, das Toben verstärkt sich, sodass nicht mehr sie das Segel, sondern das Tuch sie kontrolliert. Der Gesang verstummt, vor Anstrengung und Verzweiflung verunstaltete Antlitze blicken uns entgegen, ein letztes Aufbrausen der See bewegt das Bild und die beiden Figuren fallen zu Boden.

Shakespeare-in-the-Courtyard

Was hier so tragisch anmutet, ist der Beginn von Shakespeares Komödie Twelfth Night (Was ihr wollt) in der Fassung der Basler Theaterproduktion von Upstart Entertainment, welche momentan im Innenhof des Englischen Seminars in Basel (CH) gespielt wird. “Shakespeare in the Courtyard” nennt sich das Konzept, welches den hybriden Raum aus Mittelalter und Gegenwart am Nadelberg 6 und Shakespeares Theaterstücke miteinander vereint. 2014 wird zum zweiten Mal einer Komödie des Meisterdichters neues Leben eingehaucht, dieses Mal unter der Regie von Nicolaia Marston (Hauptregie) und Johannah Schüpbach (Assistenzregie).

Liebesdurcheinander in Illyrien

Die Handlung von Twelfth Night ist schnell erzählt: Die Zwillinge Sebastian (Samuel Ammann) und Viola (Lesley Loew) werden durch einen Seesturm voneinander getrennt. Beide glauben den/die andere/n verloren. Soviel zur Vorgeschichte. Eigentlich beginnt das Stück nämlich in medias resmittendrin in Illyrien, wo der Herzog Orsino (Frédéric Anklin) erfolglos der viel umworbenen Komtesse Olivia (Madeline del Real) nachstellt. Das Liebesdurcheinander ist vorprogrammiert, als Viola in Männerkleidern und unter dem Pseudonym Cesario im Dienste Orsinos um Olivia freien soll. Das Auftauchen des totgeglaubten Zwillingsbruders zum Schluss treibt das Chaos dann auf die Spitze.

Abenteurer(innen), Sissies und Trunkenbolde

Die Komik in Twelfth Night spielt sich hauptsächlich auf der Ebene der sexuellen Identitäten und Neigungen ab: Violas Verkleidung als Mann und die Spannungen, die dadurch entstehen (sowohl Orsino als auch Olivia verlieben sich in den vermeintlichen Jüngling) stehen per se für gute Unterhaltung in der Art von Shakespeare. Darum ist es umso interessanter, wie die Viola in Basel umgesetzt wurde: Viola erscheint sowohl in ‘sich selbst’ als auch als Cesario androgyn, selbstbestimmt und abenteuerlustig. Die Unsicherheit, die sie in Liebesdingen oder beim Duellieren zeigt, wirken, als ob sie eher dem jugendlichen Alter als dem weiblichen Geschlecht zuzuschreiben wären. Loew spielt eine Viola, die von ihren eigenen Gefühlen verunsichert ist und dennoch alles richtig machen möchte.

So wird nicht Violas Cross-Dressing zum komischen Element des Stücks, sondern viel mehr die überzeichneten Charaktere von Andrew Aguecheek (Ariel Steffen), einem sissy wie er im Bilderbuch steht mit blonder Perücke und einem Körbchen mit Bürste und Fächer, Malvolio (Jacob Dixon), dem übel gelaunten und übel mitgespielten Bediensteten Olivias, oder Sir Toby Belch (Flavio De Rosa), der das ganze Stück zusammenhält und für manchen Lacher sorgt.

Ein unverfälschtes Theatererlebnis

Obwohl das Stück an sich und die stets gut getimte Interaktion zwischen den Schauspielern viel Unterhaltung bieten und zum einen oder andern Schmunzeln, Kichern oder Gelächter führen, weist die Aufführung spürbare Längen auf. Die Atemlosigkeit in manchen Szenen mag dem Lampenfieber der Erstaufführung geschuldet sein, doch der  stellenweise fehlende drive hinterlässt den Eindruck von schleppenden Passagen. Umso interessanter wirkt der Einsatz von Musik während der Vorführung: Durchgehend live vorgetragen und mit dem Charme des Unfertigen und Unperfekten versehen, werden  einige der genuin mit Twelfth Night verbundenen Lieder gespielt, ergänzt durch Greensleaves. 

Gemeinsam mit dem Raum, in welchem gespielt wird, verleiht die Musik dem Theaterabend eine eigene Magie, welche an vergangene Zeiten denken lässt. Der mittelalterliche Innenhof tritt dennoch stark hinter die Handlung zurück — in dieser Ausgabe von Shakespeare in the Courtyard wurden Handlung, schauspielerische Leistung und die musikalische Kontextualisierung stärker ins Zentrum gerückt als der Spielort. Was bleibt, ist eine authentische Darbietung und Aktualisierung von Shakespeares Komödie, welche unterhält und den musikalischen Aspekt des Stücks zelebriert.

Spieldaten, Ticketing und weitere Informationen

Twelfth Night wird noch bis zum 13. September, jeweils um 20 Uhr, im Innenhof des Schönen Haus am Nadelberg 6 in Basel (CH) aufgeführt. Spielsprache ist Englisch. Aktuelle Informationen stehen auf der offiziellen Homepage unter www.shakespeare-basel.ch zur Verfügung. Ebenfalls dort zu finden sind weitere Informationen zu Ticketpreisen und -reduktionen sowie allfällige wetterbedingte Absagen von einzelnen Aufführungen.

Über Wanda

Wanda lebt eigentlich in der Schweiz und studiert Germanistik und Anglistik, die Vorliebe für alles Britische zieht sie diesen Herbst jedoch in den angelsächsischen Sprachraum, wo sie im Klassenraum kreativ werden wird. Wenn sie sich nicht gerade dem Sprachunterricht widmet, wendet sie sich gerne auch musischeren Disziplinen zu.

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