Hundert Jahre Trunkenheit (und Abenteuerlust)

Auf eins hat Allan Karlsson gar keine Lust: seinen 100. Geburtstag zu feiern. Und so beschließt er, aus dem Altersheim abzuhauen. Er setzt sich in den nächsten Bus – nicht, ohne zuvor einen Koffer zu stehlen – und damit beginnt die wilde Reise durch Schweden, von der der Roman Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand handelt.

Der Hundertjaehrige der aus dem Fenster stieg und verschwand von Jonas Jonasson

Die Handlung von Jonas Jonassons Debütroman zusammenzufassen, fällt schwer, da auf Allans Reise zahlreiches passiert: Er trifft auf immer neue Wegbegleiter, legt sich mit einer kriminellen Organisation an und gerät – nicht ganz zu Unrecht – ins Fadenkreuz der Polizei. Dabei schildert Jonasson die abstrusen Abenteuer des Hundertjährigen auf mehreren Ebenen. Einmal aus der Sicht des Protagonisten selbst, zusammen mit seiner kleinen bunten Truppe, einmal aus Sicht der Polizei, die ihm auf den Fersen ist, und einmal aus Sicht der kriminellen Vereinigung.

Parallel zu dieser Gegenwartshandlung, die den Leser mit auf einen turbulenten Road Trip mit Bus, Draisine und Auto nimmt, gibt es einen Rückblick auf Allans Leben. Und sehr schnell wird klar: Aus dem Altersheim zu türmen und einen Koffer zu stehlen ist für den Hauptcharakter vergleichsweise unspektakulär. Denn in hundert Jahren Leben hat Allan zahlreiche Länder bereist, eine ganze Schar wichtiger Politiker und weitere bekannte Persönlichkeiten getroffen und den Lauf der Geschichte mehr als einmal maßgeblich beeinflusst.

Vom grundlegenden Aufbau der Geschichte erinnert Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand so ein wenig an Forrest Gump, kommt dabei aber ohne romantischen Kitsch aus. Allan ist dabei ein Mann der einfachen Dinge: Politik schätzt er gar nicht, einen guten Schnaps umso mehr. Trotzdem reihen sich politische Zwischenfälle aneinander, dass es eine wahre Freude ist – so schließt Allan beispielsweise während des Baus einer Atombombe Freundschaft mit Harry S. Truman, legt sich später mit Stalin an und nur eine glückliche Fügung rettet ihn vor dem Zorn des jungen Kim-Jong Ils.

Mit Fug und Recht kann man diese Irrfahrt durch die Geschichte als völlig wahnwitzig bezeichnen – aber auf alle Fälle ebenso als höchst amüsant. Für die ganz Zartbesaiteten ist die Geschichte jedoch mit Vorsicht zu genießen, denn ganz zimperlich geht Jonasson mit seinen Figuren nicht um – außer mit Allan. Denn der entkommt jeder noch so aberwitzigen Situation gekonnt.

Otto Sander liest…

Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand ist als Taschenbuch, E-Book und (zurzeit bei Amazon sogar recht günstig) als Hörbuch auf sechs CDs erhältlich. Der 2013 mit etwas über 70 Jahren verstorbene Otto Sander liest die Geschichte – und passt von Stimme und Intonation ganz hervorragend zu Allans ruhiger Sicht auf die Dinge. Leider ist die Aufnahme selbst nicht optimal gelungen, da hätte man an einigen Stellen durchaus noch mal nachsteuern können und sollen.

Das Hörbuch (gekürzte Lesung) ist erschienen bei der Hörverlag, ISBN 978-3867179560, das Taschenbuch bei btb, ISBN 978-3442744923.

Der Hundertjährige als Amazing Summer Read

Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand ist zwar kein Sommerbuch im engeren Sinne, trifft aber das aktuelle Monatsthema Road Trip in der Amazing-Summer-Reads-Challenge. Durch die zahllosen Reisen und Erlebnisse lädt der Roman auf jeden Fall zum Träumen ein und passt somit hervorragend in den Sommer – 5/5 Punkte von mir.


Cover © Der Hörverlag

Barbara

Über Barbara

Barbara ist eigentlich Übersetzerin, treibt sich aber in letzter Zeit vermehrt im journalistischen Bereich herum. Ansonsten nimmt sie gerne Zeichenstifte oder seit Neuestem auch ihre Canon EOS 700D in die Hand.

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