Mutter-Sohn-Beziehung am Abgrund

Eine alleinerziehende Mutter, ihr gewalttätiger Sohn, eine stille und mysteriöse Nachbarin – auf diese merkwürdige Dreierbeziehung baut Xavier Dolans Drama Mommy auf. Der Film wurde 2014 in Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet. Heute erscheint er in Deutschland auf DVD und Blu-ray.

Mommy_Blu-ray

Steve ist 15 Jahre alt und alles andere als ein Musterknabe. Seit Jahren neigt er zu gewalttätigen Aussetzern, kürzlich wurde er aus einer Anstalt zwangsentlassen, weil er ein Feuer gelegt hat. Notgedrungen nimmt seine Mutter Diane ihn wieder mit nach Hause – und muss zusehen, wie beide sich dem emotionalen und finanziellen Ruin immer weiter nähern. Nach einem Aussetzer von Steve, bei dem er verletzt wird, kommt die stille Nachbarin Kyla ins Spiel. Und ihre ruhige Art scheint sich positiv auf das komplizierte Verhältnis zwischen Mutter und Sohn auszuwirken.

Bei Mommy gibt es einige Punkte, die den Film zu einem interessanten Werk machen. Zunächst einmal ist die spannende Konstellation der Charaktere zu nennen. Auch wenn der Titel des Films darauf hindeutet, dass Diane die Hauptfigur ist, tragen alle ihren Teil zur Entwicklung der Handlung bei. Nach und nach kommen weitere Details ans Licht. Diane ist alleinerziehend, weil ihr Mann verstorben ist – und dies hat wohl deutliche Auswirkungen bei Steve hinterlassen. Das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn ist schwer zu beschreiben, und gewinnt gerade durch die Ambiguität viel Glaubhaftigkeit: Einerseits lieben sich die beiden sehr, andererseits schaden sie sich aber permanent durch falsche Entscheidungen und ihr Verhalten gegenüber sich und anderen.

Die frühere Lehrerin Kyla hilft, Steve zu Hause zu unterrichten. © Shayne Laverdir
Die frühere Lehrerin Kyla hilft, Steve zu Hause zu unterrichten. © Shayne Laverdir

Nicht minder spannend ist Kyla, über die wir recht wenig erfahren: Sie ist Lehrerin, macht aber zurzeit ein Sabbatjahr. Sie hat ein großes Problem mit ihrer Sprache, stottert in vielen Situationen so stark, dass sie kaum ein Wort herausbekommt – und in anderen dafür fast gar nicht. Sie wohnt zusammen mit Mann und Tochter, verbringt aber zunehmend Zeit mit Diane und Steve. Anhand des Grads ihres Stotterns lässt sich ihr Seelenzustand in einzelnen Szenen leicht ausmachen. Was wohl genau in ihrem Leben vorgefallen ist?

Beklemmung durch Bildsprache

Jede der Personen hat also ihr bildliches Päckchen zu tragen – und jede der Situationen ist auf ihre Art relativ ausweglos. Dieser Effekt wird durch die ungewöhnliche Bildsprache verwendet, die Xavier Dolan verwendet. Denn Mommy ist nicht im üblichen Breitbild gefilmt, sondern kommt im quadratischen 1:1-Format daher. Das ist gewöhnungsbedürftig, aber verstärkt die Stimmung des Films ungemein. Die Kameraeinstellungen sind wechseln mal wacklig und hektisch, mal langsam und beschaulich.

Untermalt wird die eh schon starke Bildsprache von einem Soundtrack, der einige erwähnenswerte Höhepunkte zu bieten hat. So steht in einigen längeren Szenen die Musik tatsächlich im Vordergrund – beispielsweise ganz zu Anfang, als Diane und Steve gemeinsam von der Anstalt zum Bus und dann nach Hause gehen. Durchgehend läuft „White Flag“ von Dido, mal lauter, mal leiser, mal hört man den Dialog der beiden Figuren, mal nur das Lied. Auch hier ist es die Unstetigkeit und Zerrissenheit, der gleichzeitig bedachte und schnelle Wechsel, der für enorme Kraft sorgt.

Mutter und Sohn, irgendwo zwischen Liebe und Zerstörung. © Shayne Laverdir
Mutter und Sohn, irgendwo zwischen Liebe und Zerstörung. © Shayne Laverdir

Das Leben, wie es ist

Was Xavier Dolan den Zuschauern hier präsentiert, ist sicher kein leichter Stoff und vermutlich wird eine ganze Reihe von Menschen überhaupt nichts mit dem Drama anfangen können. Wer sich jedoch ganz in Bildern, Musik und Charakteren verlieren will, der ist hier sehr willkommen – immerhin geht an einer Stelle das Bild auch in seine gesamte Breite über. Nämlich als Diane sich vorstellt, wie das Leben wäre, wenn alles normal wäre … um dann kurz darauf wieder zur Realität zurückzukehren.

Mommy wird auf DVD und Blu-ray von Weltkino verlegt, die kürzlich eine weitere interessante Ankündigung gemacht haben: Auch den nächsten Film von Xavier Dolan wird der Verleih in die deutschen Kinos bringen. Bei It’s only the end of the world (juste la fin du monde) handelt es sich um die Umsetzung eines Theaterstücks von Jean-Lug Lagarce. Man ist gespannt – denn Mommy macht definitiv Lust darauf, mehr von dem erst 26-jährigen Kanadier zu sehen.

 

Barbara

Über Barbara

Barbara ist eigentlich Übersetzerin, treibt sich aber in letzter Zeit vermehrt im journalistischen Bereich herum. Ansonsten nimmt sie gerne Zeichenstifte oder seit Neuestem auch ihre Canon EOS 700D in die Hand.

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